
Renate und Reinhold haben sich ein großes Ziel vorgenommen. Sie sind nicht mehr die Jüngsten. Ihre Knochen sind brüchig geworden. Beide haben schon Unfälle und Gelenkoperationen hinter sich. Die Knie machen ihnen immer wieder Mühe. Früher sind sie gerne Ski gefahren und gewandert und Fahrrad gefahren. Am liebsten sind sie in die Dolomiten gereist. Diese Bergwelt hat immer wieder nach ihnen gerufen. Mit dem Skifahren ist es vorbei. Auch das Fahrradfahren geht nicht mehr gut. Aber Reinhold hat einen großen Wunsch in sich: „Ich möchte noch einmal die Drei Zinnen sehen!“
Zu Weihnachten haben sie einen Wanderführer Südtirol geschenkt bekommen. Darin ist ein Wanderweg beschrieben, der auf der Höhe von 2500 m rund um die Drei Zinnen führt. Er ist 9 km lang. Sie dachten beide: „Das könnten wir schaffen, wenn wir gut dafür trainieren!“
Bald nach Weihnachten fingen sie mit dem Training an. Sie machten Spaziergänge von zuhause aus. Anfangs waren es kurze Spaziergänge, einfach ein halbes Stündchen. Manchmal nahmen sie ihr Auto und fuhren in die nähere Umgebung. Sie liefen Wege durch die Weinberge. Manchmal verließen sie den bequemen, asphaltierten Weg und stiegen die steilen Treppen zwischen den Weinbergen hinauf. Der Frühling war im Kommen. Sie sahen die Knospen anschwellen und die ersten Blüten hervorkommen. Sie sahen die Tautropfen auf dem Weinlaub und hörten die Vogelstimmen. Die Bienen flogen aus. Der Himmel war blau. Es gab so viel Schönes zu sehen unterwegs. Sie trafen andere Wanderer und Spaziergänger und grüßten einander freundlich. Sie genossen ihre Zeit draußen. Und sie spürten, wie sie kräftiger wurden von Wanderung zu Wanderung. „10 – 12 km müssen wir schaffen, dann können wir nach Südtirol aufbrechen!“ So spornten sie einander an. So oft es möglich war, brachen sie von zuhause auf.
Ihr Sohn war begeistert vom Elan seiner Eltern. „Ich gehe mit, wenn ihr nach Südtirol reist“, sagte er. Das war ein besonderes Geschenk. In der Kinderzeit war er immer dabei gewesen, wenn sie in den Bergen waren. Als er erwachsen wurde, hatte das aufgehört. Er war seine eigenen Wege gegangen. Sie freuten sich sehr, dass er sie nun begleiten wollte. Sie buchten ein Quartier für sich und ein zusätzliches Zimmer für ihn.
Anfang Juni war es so weit. In Südtirol begann die Wandersaison. Die drei machten sich auf die Reise, voller Vorfreude. Eine ganze Woche lag vor ihnen. Für die ersten Wanderungen blieben sie im Tal. Sie mussten sich zunächst an das andere Klima gewöhnen. Auch im Tal ist es wunderschön. Sie freuten sich an den Wiesen und dem vielen Löwenzahn. Sie sahen die Berge aus der Ferne grüßen. Sie gingen es gemütlich an. Sie muteten sich nicht zu viel zu. Ihr Sohn meldete sich jeden Tag für geführte Bergtouren an. Er erklomm einige Gipfel. Wenn sie sich abends trafen, zeigte er ihnen seine Fotos von den Gipfelkreuzen. Er genoss den Urlaub auf seine Art. Sie hatten immer viel einander zu erzählen.
Der Höhepunkt der Reise war für den vorletzten Tag geplant. Nun wollten Renate und Reinhold die Drei Zinnen umrunden, wie geplant und im Wanderführer beschrieben. Sie fuhren mit dem Auto eine kleine Privatstraße hinauf bis zu einem großen Wanderparkplatz. Von dort sollte es losgehen. Auf dem Wanderschild stand: „Zum Drei-Zinnen-Rundweg“. Sie zogen ihre Bergstiefel an und machten sich bereit. Der Weg war steil und voller Geröll. Es war viel anstrengender, als sie gedacht hatten. Andere Wanderer überholten sie. Das machte ihnen gar nichts aus. Sie wussten, dass sie in ihrem eigenen Tempo gehen und ihre Kräfte einteilen müssen. Immer wieder blieben sie eine Weile stehen, um zu verschnaufen und die Ausblicke zu genießen. Endlich erreichten sie einen wunderschönen Aussichtspunkt. Von hier aus konnten sie die Drei Zinnen in ihrer vollen Schönheit sehen, wie zum Greifen nah. Es war atemberaubend. Sie konnten sich gar nicht sattsehen. Sie studierten die Wanderschilder. Auf einem stand geschrieben: „Drei-Zinnen-Rundweg“ 3 Stunden. Sie schauten das Schild an, und sie schauten einander an. Wollten sie das wirklich? Konnten sie das wirklich? Schon der Aufstieg bis hierher war sehr anstrengend gewesen und hatte mehr als eine Stunde gedauert.
Sie überlegten hin und her. Schließlich sagte Reinhold: „Weißt du was? Mein großes Ziel war es, die Drei Zinnen noch einmal zu sehen. Das haben wir geschafft! Dieser große Rundweg wird zu viel sein für mich und für dich. Wir lassen das lieber!“ Renate war sehr erleichtert. „Ich bin froh, dass du es so siehst“, sagte sie. Wir bleiben hier und genießen es hier, und nachher steigen wir ganz in Ruhe zum Wanderparkplatz hinunter.“
Es wurde ein unvergesslicher Tag für die beiden. Bis heute erinnern sie sich sehr gerne daran. Nicht nur an die überwältigende Schönheit der Bergwelt. Sondern auch an die Erkenntnis: „Wir müssen nicht erzwingen, was wir im Kopf hatten, auf Biegen und Brechen!“ „Und es ist trotzdem gut!“ Diese Erkenntnis hat Frieden und Gelassenheit und Freude mit sich gebracht. Ob sie wohl mit Altersweisheit zu tun hat?
Alles Liebe und Gute für Sie und für euch!
Gabriele Koenigs
Jetzt wird es wieder Zeit zu singen: "Geh aus, mein Herz und suche Freud....! "
Viel Freude beim Mitsingen und Anhören!
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Gudrun Specht (Sonntag, 30 März 2025 11:55)
Wünsche verwirklichen zu wollen ist gut und Abenteuer erleben wollen, auch. Die sog. Altersweisheit lehrt einen, seine Kräfte abzuwägen, abzuschätzen und bei Bedarf umzudenken und Chancen der Beglückung in weniger großen Kreisen wahrzunehmen. Wohlan!!
Elisabeth Koch (Sonntag, 30 März 2025 22:21)
Vielen Dank für die für mich ersten Ermunterungen. Natürlich musste ich auch weiterscrollen und freue mich jetzt schon auf den nächsten Sonntag.